Die Lücke
Drei Bücher dieser Reihe handeln vom Geschäft. „Aufträge kommen nicht von allein” erklärt, wie Kunden entstehen. „Aus Anfragen werden Aufträge” erklärt, wie aus einer Anfrage ein kalkuliertes Angebot wird. „Vom Auftrag zum Unternehmen” erklärt, wie aus Aufträgen ein Betrieb mit Personal, Ausschreibungen und Liquidität wird. Zusammen sind das vierundvierzig Kapitel, und keines davon sagt, was im Objekt eigentlich passiert.
Das ist keine Nachlässigkeit, sondern war eine Entscheidung: Ich habe über das geschrieben, was ich selbst gemacht habe. Nur hat diese Entscheidung eine Lücke gelassen, die größer ist, als sie beim Schreiben aussah. Denn ein Betrieb, der gut kalkuliert und schlecht anleitet, verliert sein Geld trotzdem — nur an einer anderen Stelle. Nicht im Angebot, sondern in der Reklamation, im Schadensfall, bei der Kraft, die nach vier Monaten mit kaputten Händen aufhört, oder bei der Aufsichtsbehörde, die nach einer Gefährdungsbeurteilung fragt, die es nicht gibt.
Eine Szene, an der man es sieht
Das Folgende ist ein konstruiertes Beispiel, kein Fall aus meinem Betrieb. Es ist so gebaut, dass man die Entscheidungen daran durchspielen kann.
Eine Kraft reinigt eine Sanitärkabine in einem Verwaltungsgebäude. Kalkränder an der Armatur, grauer Schleier an der Duschtrennwand. Sie nimmt den Sanitärreiniger und sprüht ihn auf die Fläche, wie immer. Zwei, drei Tropfen landen auf der Fensterbank darüber. Die ist aus Marmor. Sie wischt alles ab, es sieht sauber aus, sie geht nach Hause.
Zwei Tage später ruft die Verwaltung an. Auf der Fensterbank sind matte Flecken, ungefähr so groß wie Tropfen. Kein Mittel der Welt bringt sie zurück: Die Säure hat den Kalk im Stein angelöst, die Oberfläche selbst ist verändert, und was dort fehlt, lässt sich nicht aufwischen. Instand setzen kann das nur ein Steinsanierer, mit Schliff und Politur. Das ist keine Reinigungsleistung, und bezahlen wird sie der Betrieb, der zuletzt dort war.
Jetzt die wichtige Frage: Wer hat hier einen Fehler gemacht? Die Kraft hat getan, was sie immer tut, und niemand hat ihr jemals erklärt, dass es zwei Dinge gibt, die sie hätte wissen müssen. Erstens, dass kalkhaltiger Naturstein säureempfindlich ist und dass „Granit” im Handel ein Sammelbegriff ist, hinter dem auch Gestein mit kalkhaltigen Anteilen steckt. Zweitens, dass ein Säurereiniger auf das Tuch gehört und nicht auf die Fläche — eine Verfahrensregel, die diesen Schaden verhindert hätte, ohne dass die Kraft überhaupt wissen müsste, was unter ihr liegt.
Beides sind Sätze aus zwei Absätzen. Niemand hat sie gesagt. Das ist die Lücke, und sie liegt nicht bei der Kraft. Sie liegt bei dem, der eingewiesen hat.
Was in diesem Buch steht
Sechzehn Kapitel in fünf Teilen. Zuerst, was beim Reinigen physikalisch und chemisch überhaupt passiert: die vier Hebel Chemie, Mechanik, Temperatur und Zeit, die Schmutzarten und welcher Hebel bei welcher Art greift, die Reinigungsarten und wo die Grenze zwischen ihnen liegt, die vier Feuchtigkeitsgrade und die beiden konkurrierenden Wischsysteme. Dann die Oberflächen: der pH-Wert als Denkwerkzeug, die Beläge und ihre Grenzen, der Schadenskatalog, die Schutz- und Pflegeschichten, Glas, Sanitär und Edelstahl. Dann die Mittel: was in der Flasche arbeitet, wie dosiert wird, was nie zusammenkommen darf, das Gefahrstoffrecht eines Kleinbetriebs vollständig, und die Haut. Dann Hygiene, Werkzeug, Maschinen und die Höhe. Und am Ende die Frage, wer das eigentlich darf, welche Nachweise zählen und wie aus einem Leistungsverzeichnis ein Ablauf im Objekt wird.
Jedes Kapitel ist gleich gebaut, damit du nicht suchen musst. Oben steht die Frage, um die es geht, in einem Satz. Dann eine Situation, an der man sieht, warum sie zählt. Dann die Erklärung, oft mit einer Tabelle, einem Schadensbild oder einem Ablauf. Dann die typische Fehlentscheidung — die Variante, die in der Praxis wirklich gewählt wird, und nicht die, die ein Lehrbuch erfindet. Und am Ende deine nächste Aufgabe: nummerierte Schritte mit einer Zeitangabe, die du heute, diese Woche oder in diesem Monat abarbeiten kannst. Wer nur die letzten Abschnitte liest, hat am Ende des Buches rund achtzig Aufgaben vor sich; das ist zu viel. Nimm aus jedem Kapitel die erste.
Was nicht darin steht
Kein Kaufmännisches. Keine Preise, keine Kalkulation, keine Akquise, keine Verträge. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es in den anderen Büchern steht, und zwar ausführlicher, als ich es hier könnte.
Wo du es brauchst, steht in diesem Buch ein Verweis. Die drei wichtigsten gleich hier:
Preise, Kalkulation und Angebot stehen in Aus Anfragen werden Aufträge, Kapitel 10 und 11. Dort findest du den Rechenweg von der Fläche über den Leistungswert zu den Stunden, von der Stunde zum Kostensatz und vom Kostensatz zum Preis — und die sieben Bausteine eines Angebots. Jedes Mal, wenn dieses Buch dir sagt, dass eine Leistung eine zweite Position ist, musst du dort nachrechnen.
Ausschreibung, Leistungsverzeichnis und Personal stehen in Vom Auftrag zum Unternehmen, Kapitel 4, 5 und 10. Dort geht es um die Nachweise, die eine Vergabestelle sehen will, um das Rechnen eines fremden Leistungsverzeichnisses und um Einstellen, Einarbeiten und Führen als Arbeitgeberthema. Dieses Buch sagt dir, was fachlich im Leistungsverzeichnis stehen muss; wie du es rechnest, steht dort.
Sichtbarkeit und Vertrauen stehen in Aufträge kommen nicht von allein. Wie Kunden dich finden, welche Kundengruppen es gibt, wer im Haus tatsächlich entscheidet — nichts davon kommt hier vor.
Eine Überschneidung gibt es, und sie ist gewollt: Das Gefahrstoffverzeichnis als Arbeitgeberpflicht steht in Vom Auftrag zum Unternehmen, Kapitel 10, in drei Sätzen. Hier steht in Kapitel 11 das ganze Verfahren.
Die drei Beispielbetriebe
Durch alle Bücher dieser Reihe laufen drei Betriebe, und sie sind alle drei frei erfunden. Namen, Orte und Zahlen sind gewählt, nicht gemessen. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Betrieben sind nicht beabsichtigt. Ihre Werte bleiben über die Bücher hinweg gleich, damit du Entscheidungen vergleichen kannst.
| Betrieb | Lage |
|---|---|
| Dilan Acar, 34, Dresden | nebenberuflich, 8 Stunden die Woche, keine Referenzen |
| Hoffmann Gebäudereinigung, Osnabrück, Andreas Hoffmann, 52 | sechs Teilzeitkräfte, rund 120 freie Stunden im Monat |
| Novak Gebäudeservice, Mannheim, Petra Novak, 41 | 19 Beschäftigte, 61 Prozent des Umsatzes von einem Generalunternehmer |
In diesem Buch kommen sie seltener vor als in den anderen, und nur dort, wo wirklich eine Entscheidung ansteht: welche Maschine, welches Wischsystem, welche Schicht, welcher Nachweis. Als Dekoration auf jeder Seite taugen sie nicht.
Sieben Dinge, die anders sind, als fast überall geschrieben steht
Die Recherche zu diesem Buch hat etwas zutage gebracht, das ich nicht erwartet hatte: Zu den meisten dieser Themen findet man im Netz überwiegend Falsches oder Werbung. Sieben Befunde als Vorgeschmack, jeder mit dem Kapitel, in dem er belegt ist.
Das Vier-Farben-System ist nirgends verbindlich geregelt. Keine Norm, kein Gütezeichen, keine Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene ordnet Farben Bereichen zu; die amtlichen Rahmen-Hygienepläne erwähnen Farbcodierung nicht einmal. Verbindlich wird es erst durch deinen eigenen Hygieneplan oder den Vertrag — du musst dich selbst festlegen (Kapitel 13).
Und die Zuordnung ist international uneinheitlich. Im deutschsprachigen Raum ist Rot nur WC und Urinal und Gelb der übrige Sanitärbereich. Im britischen Schema ist Rot der ganze Sanitärbereich einschließlich Waschbecken, Gelb dagegen der Isolier- und klinische Bereich. Grün und Blau stimmen überein, Rot und Gelb nicht. Wer ein internationales Poster an die Putzkammerwand hängt, hängt dort einen Widerspruch auf (Kapitel 13).
Das Gebäudereiniger-Handwerk ist zulassungsfrei. Es steht in Anlage B Abschnitt 1 Nummer 33 der Handwerksordnung, nicht in Anlage A. Es braucht keinen Meisterbrief, um einen Betrieb zu führen; Pflicht ist die Anzeige nach § 18 Abs. 1 HwO. Und es geht noch weiter: Das Verwaltungsgericht Berlin hat am 25. Juni 2024 entschieden, dass ein Betrieb, der nur Unterhaltsreinigung mit kurz angelernten Kräften macht, gar kein Handwerksbetrieb ist (Kapitel 16).
Die Leiterregeln haben sich am 21. Dezember 2018 geändert und werden seither flächendeckend falsch wiedergegeben. Bis 2 m Standhöhe darfst du ohne Zeitbegrenzung arbeiten, zwischen 2 und 5 m nur zeitweilig und höchstens zwei Stunden je Schicht, über 5 m Standplatz gar nicht — und die Sprossenleiter ist als Arbeitsplatz grundsätzlich unzulässig, weil beide Füße auf einer Stufe oder Plattform stehen müssen. Wer aus einem Text von vor 2019 abschreibt, übernimmt falsche Regeln in die gefährliche Richtung (Kapitel 15).
Säure auf kalkhaltigem Naturstein ist irreversibel. Das ist die Szene von oben, und der Reflex „Kalk weg mit dem Sanitärreiniger” ist ihre Ursache. Dazu der zweite Irrtum: „Granit” ist im Handel ein Sammelbegriff und nicht automatisch säurefest (Kapitel 5 und 6).
Mehrere verbreitete „Zertifikate” haben keine Rechtsgrundlage. „Fachkraft für Reinigung und Hygiene”, „Hygienebeauftragter”, ein „Hubarbeitsbühnen-Führerschein” — staatlich geordnet ist davon nichts. Echte Pflichtnachweise sind andere: die Asbest-Sachkunde nach TRGS 519, die Ausbildung für Hubarbeitsbühnen samt schriftlicher Beauftragung durch den Unternehmer, die jährliche Gefahrstoffunterweisung. Eine Schulung ohne Rechtsgrundlage kann fachlich gut sein — sie ersetzt nur keine Pflicht (Kapitel 16).
Die am meisten übersehene echte Pflicht ist die Biozid-Sachkunde nach § 15c der Gefahrstoffverordnung. Ob du sie brauchst, entscheidet das Produkt, nicht dein Betriebsname. Die Übergangsfrist läuft bis zum 28. Juli 2027, der Nachweis gilt sechs Jahre. Wer Flächendesinfektion in Pflege, Küche, Praxis oder Schwimmbad macht, sollte das heute prüfen und nicht 2027 (Kapitel 16, und zur Desinfektion selbst Kapitel 13).
Und wenn du nur eine Sache mitnehmen willst
Dann diese: Fast jeder Fehler in diesem Gewerbe ist ein Zuordnungsfehler. Das falsche Mittel für diese Schmutzart, das falsche Mittel für diesen Belag, das falsche Verfahren für diese Leistungsart, die falsche Leiter für diese Höhe. Fleiß korrigiert davon nichts — er vergrößert den Schaden, weil er ihn schneller herstellt. Was hilft, ist vorher zu wissen, was man vor sich hat. Dafür ist dieses Buch da.
Stand 9. Oktober 2026. Die drei Beispielbetriebe sind frei erfunden. Allgemeine Orientierung, keine Rechts-, Steuer- oder Arbeitsschutzberatung.







