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PRAXISREIHE · BAND 3 · KAPITEL 2

2 — Der Direktauftrag: dein realistischer Einstieg

Von Salih Daglar · Vollständiger Buchtext · etwa 8 Minuten Lesezeit

Alle Kapitel dieses Buches →

Die Frage dieses Kapitels: Wie bekomme ich einen öffentlichen Auftrag, ohne jemals ein Vergabeverfahren zu durchlaufen?

Das ist das wichtigste Kapitel dieses Buchteils, und es ist das, über das am wenigsten geredet wird. Alle Ratgeber erklären dir, wie du an Ausschreibungen teilnimmst. Fast keiner erklärt dir, dass der größte Teil der öffentlichen Reinigungsaufträge, die für einen kleinen Betrieb erreichbar sind, überhaupt nicht ausgeschrieben wird.

Sie werden vergeben. Direkt. An jemanden, der der Vergabestelle bekannt ist.

Was ein Direktauftrag ist

Unterhalb bestimmter Wertgrenzen darf eine öffentliche Stelle einen Auftrag ohne jedes Verfahren erteilen. Keine Bekanntmachung, keine Frist, keine Formblätter, kein Portal. Ein Anruf, ein Angebot, eine Bestellung.

Die Höhe dieser Grenze ist die wichtigste Zahl, die du über dein Bundesland kennen musst — und sie hat sich 2025 und 2026 fast überall drastisch erhöht.

Bund

Seit dem 1. Juli 2026 gilt: Liefer- und Dienstleistungen bis 50.000 Euro netto können ohne Vergabeverfahren direkt beauftragt werden. Rechtsgrundlage ist der neu gefasste § 55 Absatz 2 der Bundeshaushaltsordnung.1

Vorher lag die Grenze bei 15.000 Euro. Die Grundnorm in der Unterschwellenvergabeordnung nennt übrigens immer noch 1.000 Euro — das ist der Grund, warum man im Netz so viele widersprüchliche Angaben findet. Die Verwaltungsvorschriften der Haushaltsordnung gehen vor.

Zusätzlich darf der Bund seit Juni 2026 eine Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb bis 100.000 Euro netto durchführen.2 Das ist zwar ein Verfahren, aber eines, in das du eingeladen wirst, und bei dem verhandelt werden darf.3

Die Länder

Hier wird es unterschiedlich, und zwar erheblich.4

Land Direktauftrag Dienstleistungen, netto Stand
Bayern 250.000 € befristet bis 31.12.2029
Mecklenburg-Vorpommern 100.000 € seit 3. März 2026
Sachsen-Anhalt 100.000 € seit 7. November 2025
Brandenburg 100.000 € seit Juni 2025
Saarland 100.000 € seit 1. Juli 2025
Baden-Württemberg (Kommunen) 100.000 € befristet bis Oktober 2027
Nordrhein-Westfalen 50.000 € seit 1. Februar 2026
Schleswig-Holstein 50.000 € seit 16. Mai 2026
Berlin 1.000 € seit 16. Juli 2026

Für Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen konnte ich beim Schreiben keinen belastbaren Wert finden. Das heißt nicht, dass es keinen gibt — es heißt, dass du ihn selbst nachschlagen musst. Wie, steht am Ende dieses Kapitels.

Zu Berlin ein Hinweis, weil dort besonders viel verwechselt wird. Das Berliner Ausschreibungs- und Vergabegesetz hat eine allgemeine Anwendungsschwelle von 75.000 Euro für Dienstleistungen.5 Das ist nicht die Direktauftragsgrenze. Die liegt bei 1.000 Euro. Wer in einer Pressemeldung „75.000 Euro Direktauftrag in Berlin” liest, liest eine Verwechslung. Berlin ist in dieser Frage der strengste Ort Deutschlands.

Was diese Zahlen praktisch bedeuten

Rechenbeispiel, frei gewählte Annahmen, netto. Eine Kita soll fünfmal wöchentlich gereinigt werden, 2.100 Euro im Monat, Vertrag über ein Jahr. Jahreswert: 25.200 Euro.

In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, im Saarland und bei baden-württembergischen Kommunen darf dieser Auftrag direkt vergeben werden. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein ebenfalls. In Berlin nicht.

Dieselbe Kita mit einem Vertrag über drei Jahre: 75.600 Euro. Jetzt ist sie in NRW und Schleswig-Holstein über der Grenze, in Bayern immer noch darunter.

Das ist der Grund, warum die Vertragslaufzeit im Gespräch mit einer Vergabestelle ein Thema sein kann. Nicht, um etwas zu umgehen — eine künstliche Aufteilung eines Auftrags, um unter die Schwelle zu kommen, ist unzulässig. Aber ein einjähriger Einstieg mit anschließender ordentlicher Vergabe ist ein ganz normaler Vorgang, und für beide Seiten oft der vernünftigere Weg.

Die Regel, die dir die Tür öffnet

In den Vorschriften zum Direktauftrag steht ein Satz, den die meisten übersehen. Sinngemäß: Der Auftraggeber soll zwischen den beauftragten Unternehmen wechseln.6

Das ist keine Floskel. Eine Vergabestelle darf nicht zehn Jahre lang immer dieselbe Firma beauftragen. Sie muss rotieren. Und dafür braucht sie eine Liste, aus der sie rotieren kann.

Auf dieser Liste willst du stehen. Das ist die gesamte Strategie dieses Kapitels.

Wie du auf die Liste kommst

Schritt 1: Finde heraus, wer bei dir einkauft

Jede Kommune organisiert das anders. Die typischen Stellen:

  • Zentrale Vergabestelle oder Zentraler Einkauf der Stadt oder des Landkreises.
  • Gebäudemanagement oder Immobilienbetrieb — oft ein Eigenbetrieb mit eigenem Namen.
  • Schulverwaltungsamt für Schulen, Jugendamt oder Eigenbetrieb Kitas für Kitas.
  • Liegenschaftsamt für Verwaltungsgebäude.
  • Bei Landes- und Bundesgebäuden: der jeweilige Bau- und Liegenschaftsbetrieb.
  • Dazu alles, was öffentlich ist, aber nicht nach Stadt aussieht: Stadtwerke, Verkehrsbetriebe, Sparkasse, Wohnungsbaugesellschaft, Krankenhaus in kommunaler Trägerschaft, Volkshochschule, Theater, Bäder, Entsorgungsbetrieb, Kirchengemeinden, Studierendenwerk, Hochschule.

Ruf an und stelle genau eine Frage: „Guten Tag, ich betreibe eine Gebäudereinigung hier in der Stadt. An wen wende ich mich, wenn ich bei Ihnen als Bieter gelistet werden möchte?“

Das ist kein Verkaufsgespräch. Das ist eine Verwaltungsfrage, und sie wird fast immer beantwortet.

Abbildung zum Kapitel 2 — Der Direktauftrag: dein realistischer Einstieg

Schritt 2: Registriere dich auf den Plattformen

Die meisten Vergabestellen führen ihre Bewerberliste heute nicht mehr auf Papier, sondern in ihrer Vergabeplattform. Du legst dort ein Bieterkonto an, hinterlegst deine Leistungen und dein Gebiet, und wirst bei passenden Verfahren benachrichtigt.

Welche Plattformen das sind, steht in Kapitel 3. Wichtig hier: Die Registrierung ist kostenlos und dauert pro Plattform etwa zwanzig Minuten. Es gibt keinen Grund, das nicht zu tun.

Schritt 3: Halte deine Unterlagen bereit

Auch bei einem Direktauftrag wird dich irgendwann jemand nach etwas fragen. Lege dir einen Ordner an — digital, mit Datum im Dateinamen — mit:

  • Gewerbeanmeldung und Handwerkskammereintrag
  • Betriebshaftpflicht mit Deckungssummen, aktueller Nachweis
  • Unbedenklichkeitsbescheinigung Finanzamt
  • Unbedenklichkeitsbescheinigung Krankenkasse oder Einzugsstelle
  • Nachweis der Berufsgenossenschaft
  • Gewerbezentralregisterauszug, Belegart für Unternehmen
  • Erklärung zur Einhaltung des Mindestlohns und des Branchenmindestlohns
  • Zwei bis drei Referenzen mit Objektart, Fläche, Turnus und Laufzeit
  • Kurzprofil des Betriebs auf einer Seite

Die meisten dieser Papiere laufen ab. Schreib dir das Ablaufdatum in den Kalender. Nichts ist ärgerlicher, als an einer sechs Wochen alten Bescheinigung zu scheitern, die man in drei Tagen hätte neu bekommen können.

Schritt 4: Melde dich regelmäßig, ohne zu nerven

Zweimal im Jahr eine kurze Nachricht an die Vergabestelle: freie Kapazität ab wann, welche Objektarten, welches Gebiet. Fünf Zeilen. Kein Prospekt.

Und beachte dabei, was in Anhang A.6 über zulässige Kontaktwege steht: Eine öffentlich sichtbare E-Mail-Adresse ist keine Erlaubnis für Werbemails. Bei einer Vergabestelle, die dich auf ihrer Bieterliste führt, besteht ein sachlicher Zusammenhang — aber bleib bei Information, nicht bei Werbung.

Die Beispielbetriebe

Die drei Betriebe sind frei erfunden. Ihre Zahlen sind gewählte Annahmen.

Dilan Acar, Dresden, nebenberuflich. Für sie ist das noch zu früh. Sie hat acht Stunden die Woche und keine Vertretung. Ein öffentlicher Auftrag mit festen Zeiten und Vertretungspflicht passt nicht. Sie macht trotzdem einen Schritt: Sie notiert sich die Vergabestelle ihrer Stadt für später und bewirbt sich stattdessen bei einem Studierendenwerk um die Reinigung eines kleinen Wohnheimtrakts — ein Objekt, eine feste Zeit, überschaubar.

Hoffmann Gebäudereinigung, Osnabrück, sechs Teilzeitkräfte. Andreas Hoffmann hat 120 freie Einsatzstunden im Monat und zahlt seit zwei Jahren Portalgebühren. Er stellt die Rechnung auf: Zwei Jahre Portal haben ihn Geld gekostet und zwei Verträge gebracht. In derselben Zeit hat er bei keiner einzigen Vergabestelle ein Bieterkonto angelegt. Er legt in einer Woche vier Konten an und ruft fünf Stellen an. Das kostet ihn einen Nachmittag und null Euro.

Novak Gebäudeservice, Mannheim, 19 Beschäftigte. Petra Novak hängt zu 61 Prozent an einem Generalunternehmer. Sie braucht eigene Auftraggeber, und zwar solche, die zuverlässig zahlen. Öffentliche Auftraggeber zahlen spät, aber sie zahlen. Sie geht den Weg über Direktaufträge als Einstieg, um Referenzen aufzubauen, die sie später für die großen Lose braucht.

Wo der Direktauftrag aufhört

Ein Direktauftrag ist kein rechtsfreier Raum. Es gelten weiterhin:

  • Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Die Stelle muss begründen können, warum der Preis angemessen ist. Oft holt sie deshalb trotzdem zwei oder drei formlose Vergleichsangebote ein.
  • Dokumentation. Der Vorgang wird aktenkundig.
  • Keine künstliche Auftragsteilung, um unter die Schwelle zu kommen.
  • Tariftreue und Mindestlohn. Dazu Kapitel 5.
  • Beim Bund entfällt unterhalb von 50.000 Euro immerhin die Pflicht, das Wettbewerbsregister abzufragen.7

Und eine Grenze, die du dir selbst setzen solltest: Ein Direktauftrag ist keine Erlaubnis, schlechter zu kalkulieren. Dass niemand dein Angebot mit anderen vergleicht, heißt nicht, dass du dein eigenes Kostendeckungsniveau unterschreiten darfst.

Deine nächste Aufgabe

  1. Schlag die Direktauftragsgrenze deines Bundeslandes nach. Suche nach dem Landesnamen plus „Wertgrenzen Vergabe” oder frage bei der Handwerkskammer. Notiere Betrag, Quelle und Datum. — Diese Woche.
  2. Erstelle die Liste der öffentlichen Einrichtungen in deinem Gebiet. Schulen, Kitas, Verwaltung, Stadtwerke, Bäder, Bibliothek, Krankenhaus, Hochschule, Kirchengemeinden. Für jede: Name, Adresse, Entfernung, geschätzte Fläche. — Diese Woche.
  3. Ruf fünf davon an und stelle genau die eine Frage aus Schritt 1. — Nächste Woche.
  4. Lege den Unterlagenordner an und trage alle Ablaufdaten in deinen Kalender. — Diesen Monat.
  5. Registriere dich auf mindestens zwei Vergabeplattformen. — Diesen Monat.

Das ist der gesamte Einstieg. Er kostet dich zwei Nachmittage und keinen Euro, und er ist die mit Abstand unterschätzteste Vertriebsmaßnahme in dieser Branche.

Zu diesem Kapitel

Wichtiger Hinweis zur Belegqualität: Die Länderwerte in der Tabelle stammen aus Fachübersichten, nicht durchgehend aus dem amtlichen Verordnungstext. Sie waren in mehreren Quellen übereinstimmend. Prüfe den Wert für dein Bundesland selbst nach, bevor du dich darauf verlässt — er ändert sich häufig und ist in mehreren Ländern befristet.

Dieses Kapitel ist allgemeine Orientierung und keine Rechtsberatung.


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